Hier ist der Bürger von Deutschland gemeint. Anders als in Frankreich werden hier viele politischen Missstände hingenommen und als „persönliche Schuld“ sozusagen als Schicksal abgetan. In Frankreich sorgt man sich scheinbar weniger um seine persönliche Integrität, sondern man geht trotz der Drohung von Konsequenzen mit Betroffenen auf die Straße und sorgt auch mit Hilfe eines Generalstreiks für die Abwendung, z.B. der Aushöhlung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger, des politischen „Unheils“. Aber warum ist der Bürger hier so fatalistisch und wehrt sich nicht gemeinsam gegen die Ungerechtigkeiten z.B. bei einer drohenden Betriebsschließung? Auf diese Frage habe ich keine klare Antwort! Ich möchte mich aber einer Antwort annähern.
Wenn man die deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts betrachtet. Gab es nach dem Kaiserreich und der Bismarckschen Direktiven Politik eine kurze Zeit des Versuchs einer Demokratie durch die Weimarer Republik. Auf Weimar wich man aus um sich dem unmittelbaren Einfluss der Berliner Bühne zu entziehen. Da es aber keine Erfahrungen in Deutschland mit einer gelebten Demokratie gab, wurde diese schnell von ihren Gegnern als „Schwatzbude“ diffamiert. Die Nationalsozialisten verdrängten diese Strukturen teils mit Gewalt und wurden zu Beginn von den Konservativen und Militaristen insgeheim protegiert.
Unter diesen Kreisen wurde Hitler unterschätzt und es kam dann zu diesen furchtbaren bekannten Verbrechen. Warum haben sich die Bürger Deutschlands nicht gegen dieses Unrechtsregime gewehrt?
Hier ist vielleicht eine Antwort zu suchen, die auch die heutige Untätigkeit erklären kann.
Das Nationalsozialistische Regime hat geschickt die Bedürfnisse nach persönlicher wirtschaftlicher Stabilität genutzt und jedem, der sich an dem Aufbau dieser verbrecherischen Strukturen beteiligt, eine Karriere und wirtschaftliches Fortkommen zugesichert. Sicherlich haben einige Bürger ihre Verstrickungen in dem verbrecherischen Apparat gesehen, doch wäre mit einer Opposition der Verlust dieser Vergünstigungen und Repressalien zu befürchten gewesen. Diese Repressalien richteten sich nicht nur gegen den Opponierenden, sondern häufig gegen die gesamte Familie z.B. dass diese in Schutzhaft genommen wurde. Nur wenige Menschen haben trotz dieser Drohungen mutig gegen das System opponiert. Ich denke es liegt in der Persönlichkeit des Menschen, dass es einige gegeben hat, die sich nicht unterordnen wollten. Der breiten Masse der Menschen war vermutlich die eigene und die familiäre Sicherheit wichtiger, als sich gegen die politischen Ungerechtigkeiten der damaligen Zeit zu wehren. Welche Lehren haben die Menschen aus dem Untätigsein gegen die Verbrechen der Nazis gezogen?
Meine Antwort: Die eigenen Verstrickungen wurden geleugnet und die Bemühungen gingen darum entnazifiziert zu werden. Also als „Mitläufer“ oder „Unbeteiligter“ klassifiziert zu werden. Danach konnte man sich dem wirtschaftlichen Wiederaufbau widmen und hoffen, dass „die Zeit alle Wunden heilt“ und eigene Verstrickungen vergessen werden.
„Heute habe ich manchmal den Eindruck, wenn von Verbrechen aus der Nazizeit berichtet wird, diese nicht von unseren Vorfahren begangen wurden, sondern von Alien eines anderen Planeten“
Um meine Anfangsfrage wieder aufzugreifen. Dieses Leugnen einer eigenen „Schuld“, hat nicht zur Mündigkeit im Sinne eines Aufbegehrens gegen politische Missstände geführt. Vielmehr gibt es Kontinuitäten, die auch durch den Wechsel der politischen Systeme nicht verändert wurden.
Wenn es heute politische und/oder wirtschaftliche Ungerechtigkeiten gibt, geht es auch vielen Menschen in erster Linie um ihre eigene Integrität. Damit entmündigt sich aber der Bürger, weil er so von den „Mächtigen“ beherrschbar“ und entsprechend gelenkt werden kann.
Was hilft gegen dieses Verhalten: sich nicht aufzulehnen?
Ich denke nicht der politische Zeigefinger und das Appellieren an ein Opponieren. Vielmehr geht es darum dem Einzelnen klar zu machen, dass eine Betriebschließung nicht Schicksal ist und im persönlichen Versagen des Betroffenen liegt, sondern eine Entscheidung der Firmenleitung ist. Als Einzelner kann man wenig verändern, als große Menge übt man einen manchmal entscheidenden Einfluss auf den Gang der Dinge aus. Außerdem sollte man die neoliberalen Denkmuster in Frage stellen, wonach es für viele Entscheidungen keine Alternativen gibt. Stellt man sich die Frage nach dem Profitieren von gewissen Entscheidungen, merkt man ganz schnell, wer der Nutznießer dieser Entscheidungen ist und wer der Verlierer. Hier wird das Spannungsfeld der globalen Anpassung zur Verschärfung der Bedingungen der breiten Masse ausgenutzt. Wenn es um eine wirkliche Anpassung (Einsparung) ginge, müssten alle Betroffenen einer Entscheidung Verluste in Kauf nehmen. Und nicht, dass die Managergehälter um 30 % angehoben werden und weniger gewinnbringende Bereiche verhökert werden, wie jetzt geschehen bei Siemens in Verbindung mit der BenQ-Pleite geschehen. Auf Bedingungen zu hoffen, die zu mehr Freiheit des Einzelnen führen, erscheint vergebliche Liebesmüh.
Zum Schluss möchte ich noch auf das Verhalten des Einzelnen eingehen „dem die Jacke näher als die Hose scheint“. Veränderungen seines Verhaltens sind, meiner Meinung nach, nur mit Bewusstseinsschaffung für die Zustände, um uns herum, zu erreichen. Hier muss das Individuum lernen auf sein archaisches Gefühl nicht zu hören, sondern seinem Verstand zu vertrauen. Häufig bin ich nicht als ausschließlich als Individuum betroffen, sondern muss z.B. den Verlust des Arbeitsplatzes (Schicksal?) mit anderen Menschen meiner Gemeinde teilen.

Leider sind die Bedingungen, in einer immer mehr gleichförmigen Presse realitätsnahe, ehrliche Informationen zu bekommen, schwierig. Aber es gibt sie die Alternativen! Vor allem muss man heute umdenken und Medien, die früher kritisch berichtet haben, in ihrem Inhalt hinterfragen z.B. der Spiegel.
Wage ich einen Ausblick, weiß ich nicht wo unsere Gesellschaft hindriftet? Ob sich die Menschen in Deutschland den Abbau von Bürgerrechten und eine Amerikanisierung unserer Gesellschaft gefallen lassen, bleibt die spannende Frage für die Zukunft!