20. Aug 2006
Hört man den Begriff Solidarität müssen viele an einen politischen Kampfbegriff der Linken denken. Aber was heißt Solidarität?
Damit verstehe ich die Anteilnahme und auch Hilfe von Menschen, die sich in einer schwierigeren materiellen und immateriellen Lage befinden. Welchen Radius soll diese Hilfe haben? In meiner Anfangsfrage stelle ich den Lebensraum Deutschland dar.
Aber was ist Deutschland. Seit 1871 ist Deutschland ein einigermaßen homogenes Gebilde aus Einzelstaaten und Ländern. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Deutschland geteilt und musste die Ostprovinzen Pommern und Schlesien an Polen abtreten. Außerdem wurde der Rest in West- und Ostdeutschland aufgeteilt. Die Siegermächte übten einen starken Einfluss auf das von ihnen besetzte Land aus. Damit haben sich die Bürger beider deutscher Staaten stark an deren Mentalität angepasst und sich neu an den Lebensbedingungen identifiziert.
In Ostdeutschland geschah diese Anpassung nicht nur freiwillig, sodass viele Menschen eine innere Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse aufgebaut haben. Aber auch in Westdeutschland wurde mit Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts eine innere Opposition aufgebaut. Das große Vorbild: USA verlor an Ansehen und Leuchtkraft.
Heute befinden wir uns in einem Zustand der Orientierungslosigkeit. Unter dem Bundeskanzler Schröder gab es eine deutliche Ablehnung des außenpolitischen Kurses der USA. Angela Merkel, als Bundeskanzlerin, öffnet sich wieder den außenpolitischen Zielsetzungen der USA, gegen große Widerstände in der Bevölkerung. Damit wird deutlich es gibt keine „deutsche“ Identität. Alles Deutsche wird reduziert auf die Verbrechen und die Weltanschauungen der Nationalsozialisten. Dadurch, dass wir jegliche Eigenständigkeit ablehnen, treiben wir außenpolitisch ohne Orientierung durch den Raum, mit der Gefahr, dass unsere einzige Orientierung am schnöden Mammon hängt. Dadurch orientiert sich der Einzelne an seinem wirtschaftlichen Wohlergehen und ist nicht solidarisch, wenn es seinem Nachbarn schlechter geht. Eher reibt er sich noch die Hände über seine herausgehobene Stellung.
Für Notlagen ist sowieso der Staat zuständig. Nur wird dabei vergessen, dass je mehr er das Geld von skrupellosen Handlangern des Neoliberalismus abgegraben bekommt, er immer weniger in der Lage ist diese Absicherungsfunktion zu übernehmen.
Was ist die Lösung aus diesem Dilemma?
Jeder Bürger, ob arm oder reich, kann dazu beitragen, dass dieses Staatswesen funktioniert. D.h. er muss wieder Verantwortung übernehmen und diese nicht an einen „Wohlfahrtsstaat“ delegieren, den es, wenn diese Entwicklung so anhält, nur noch in unseren Vorstellungen gibt. Insbesondere wohlhabende Menschen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden dieses Staatswesen zu tragen und nicht durch z.B. Drohungen, den Wirtschaftsstandort für ihr Unternehmen zu verlagern, möglichst viel Geld aus diesem Staatswesen zu pressen. Das ist asozial. Konsequenz ist, dass Reiche ihren Lebensraum abriegeln müssen, um so vor dem wütenden Bürger „Mob“ geschützt zu werden. Auch wohlhabende Menschen möchten ihre PS-starken Auto´s auf ordentlichen Straßenbelägen ausfahren.
Auf der anderer Seite müssen viele Menschen von einer Versorgungsmentalität durch Staat abstand nehmen. Das kann durchaus positiv verstanden werden. Die Verantwortung wieder für sich selber zu übernehmen. Häufig empfindet sich der einfache Bürger als „Spielball“ der Mächtigen.
Zurück zur Identität der Deutschen. Diese sollte eingebettet sein in einen europäischen Zusammenhang und sich nicht nur an wirtschaftlichen Zielen der EU orientieren. Außenpolitisch schafft man diese „europäische“ Identität am besten, wenn man sich vom großen Bruder USA entfernt. Bei der heutigen verbrecherischen Außenpolitik der USA dürfte das kein großes Problem sein.
3 Antworten zum Thema “Gibt es keine Solidarität mehr in Deutschland?”
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20 August. 2006 um 19:53
Solidarität? Jesus ist das Vorbild schlechthin. In Solidarität mit der Menschheit hat er sich geopfert für die Menschheit. Dafür wird er verehrt und dafür ist er m.E. auch bewundernswert. Nur: Wer von uns ist zu solcher Solidarität und Opferbereitschaft fähig?
Auf der anderen Seite haben wir den sprichwörtlichen Ebenizer Scrooge, der den grundsätzlichen Gedanken der Selbstverantwortung in die Absurdität des Ultra-Neoliberalismus führt. Ein Volk von Ebenizers ist ein Volk perfekter homo oeconomici.
Zwischen diesen Extremen driftet Deutschland sicherlich in Ebenizers Richtung und eine mögliche Zukunft sehen wir in den stacheldraht-bewehrten Reichen-Reservaten in Südafrika, Costa Rica oder Shanghai. Doch wie soll uns eine Abkehr von den USA und Hinkehr zu Europa helfen nicht den oben skizzierten Weg zu gehen? Diesen Punkt kann ich hier nicht sehen.
Für mich ist Solidarität immer verbunden mit gemeinsamen Gedanken oder gemeinsamen Zielen. In einer pluralistischen Gesellschaft mit seinen vielen Gedanken und Zielen ist Solidarität daher nicht so einfach und umfassend zu leben. Solidarität muss also auf mehr beruhen, vielleicht auf einfacher Mitmenschlichkeit? oder auf Mitgefühl? oder?
21 August. 2006 um 21:41
Aus dem Kommentar lese ich, dass Solidarität, etwas Obsukeres Unheimliches sein muss. Nach meiner Vorstellung hat der Begriff Solidarität keine Tradition in Deutschland. Hier ist keinesfalls die altruistische Version des Christentums gemeint, sondern der nötige “Kitt” für das Zusammenleben einer Gesellschaft. Leider sehe ich nicht sehr positiv in die Zukunft, was diese Solidarität angeht. Ich denke wir sind auf dem besten Weg eine “Demokratie” nach den Gesetzen des Dschungels zu verwirklichen. Damit werden wir einen Scheitelpunkt erreichen, an dem unsere Gesellschaft auseinander fällt.
PS: Wahrscheinlich haben wir diesen Scheitelpunkt schon erreicht.
1 September. 2006 um 14:30
Solidarität.
Damit verstehe ich die Anteilnahme und auch Hilfe von Menschen, die sich in einer schwierigeren materiellen und immateriellen Lage befinden. Das ist zu eng gefasst. Die Uni Leipzig (Wortschatz-Lexikon) liefert als Synonyme zu Solidarität: Gemeinsamkeit, Gemeinschaftsgeist, Gemeinsinn, Kameradschaft, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit, Übereinstimmung. Solidarität ist also die geistige und emotionale Basis für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, in Deiner Fragestellung also der Menschen in Deutschland. Du schränkst den Begriff Solidarität auf das ein, was ich als “Soziale Solidarität” präzisieren möchte. Wir brauchen für den Erfolg unseres Staatsvolks jedoch die vollständige Bandbreite dessen, was Solidarität meint.
In Ostdeutschland geschah diese Anpassung nicht nur freiwillig… In Westdeutschland auch nicht! Angst und Misstrauen gegenüber den Besatzungssoldaten waren mir in Kindheitstagen (geboren 1947 in der britischen Zone) durchaus vertraut, aber diese Vorbehalte verloren sich im Westen weit früher als im Osten.
Heute befinden wir uns in einem Zustand der Orientierungslosigkeit. Ich denke eher, unser Zustand ist der eines späten, zaghaften und umsichtigen Versuchs, die drückende Last der Nazi-Vergangenheit abzulegen und eine Position in der Völkergemeinschaft zurück zu gewinnen, die der geistigen und wirtschaftlichen Rolle Deutschlands in der Welt entspricht - ohne dabei diese Vergangenheit zu vergessen oder zu verschweigen. Dies ist auch an der Zeit, nachdem die letzten Mitbürger, die sich durch bewusstes, aktives Handeln am Werk Hitlers beteiligt haben, um die 85 sind und damit nur noch ein aussterbendes Randphänomen in der heutigen Gesellschaft darstellen.
Angela Merkel, als Bundeskanzlerin, öffnet sich wieder den außenpolitischen Zielsetzungen der USA… Die deutsche Außenpolitik ist m. E. eher bruchlos von rot-grün auf schwarz-rot übergegangen, dafür sorgt schon die Kontinuität der Person Steinmeier. Die Große Koalition steht hinter der Irak-Abstinenz Schröders. Dass Merkel von Bush freundliche Komplimente erhält, liegt wohl eher daran, dass Bush im eigenen Lande punkten will. Differenzen bestehen zwischen beiden so wie zwischen Bush und Schröder - sie werden nur nicht so offen ausgesprochen sondern diplomatisch verklärt. Alles Deutsche wird reduziert auf die Verbrechen und die Weltanschauungen der Nationalsozialisten. Wurde. Die Menschen in anderen Ländern haben längst begriffen, dass das Deutschland von heute mit den Nazis nichts zu tun hat. Und, wie oben schon gesagt, sind auch die Deutschen selbst längst auf einem behutsamen Weg, sich von der Vergangeheit zu lösen.
Dadurch, dass wir jegliche Eigenständigkeit ablehnen, treiben wir außenpolitisch ohne Orientierung durch den Raum, mit der Gefahr, dass unsere einzige Orientierung am schnöden Mammon hängt. Ich sehe nicht, dass wir Eigenständigkeit ablehnen, vielleicht trauen wir uns noch nicht genug davon zu. Im übrigen war die Orientierung am Mammon die Basis unseres früheren wirtschaftlichen Erfolgs, und gerade dieser gute alte Leistungswille, der Deutschland einmal zum Wirtschaftswunder geführt hat, bedarf dringend einer Auffrischung, um die seit Jahren anhaltende Schwäche zu überwinden - nur in wirtschaftlicher Stärke können die Mittel aufgebracht werden, die zur “Sozialen Solidarität” erforderlich sind.
Für Notlagen ist sowieso der Staat zuständig. Niemals! Für Notlagen muss jeder Mensch selbst vorsorgen. Nur weil der Mensch zu dumm war und ist, um das von selbst zu tun, hat der Staat ihm seit rund 120 Jahren vorgeschrieben, dass er mindestens eine Krankenversicherung und eine Rentenversicherung haben muss.
Insbesondere wohlhabende Menschen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden, dieses Staatswesen zu tragen, und nicht durch z.B. Drohungen, den Wirtschaftsstandort für ihr Unternehmen zu verlagern, möglichst viel Geld aus diesem Staatswesen zu pressen. Das ist asozial. Wenn der Staat die Rahmenbedingungen so setzt, dass sich Produzieren in Deutschland wieder lohnt, wird kein Unternehmen die Produktion ins Ausland verlagern. Asozial sind also nicht die Unternehmer sondern der Staat, der mit den kompliziertesten und ungerechtesten Gesetzesregelungen der Welt die Unternehmen außer Landes treibt. Und asozial sind die Gewerkschaften, weil die nur zum Wohle der 90 % der potentiell Werktätigen handeln, die Arbeit haben und Gewerkschaftsbeiträge zahlen (soweit sie in einer Gewerkschaft sind), sich aber einen Dreck darum kümmern, was mit den 10 % Arbeitslosen passiert - die zahlen ja auch keine Gewerkschaftsbeiträge.
Auf der anderen Seite müssen viele Menschen von einer Versorgungsmentalität durch Staat abstand nehmen. Richtig erkannt.
Außenpolitisch schafft man diese „europäische“ Identität am besten, wenn man sich vom großen Bruder USA entfernt. Bei der heutigen verbrecherischen Außenpolitik der USA dürfte das kein großes Problem sein. Die Abgrenzung zur USA ist auf wichtigen Gebieten (z. B. Irak) vorhanden, auf anderen Gebieten (z.B. Iran) jedoch weder wünschenswert noch sinnvoll. Im übrigen bedeutet Abgrenzung noch keine eigene Identität, die setzt vielmehr voraus, dass man sich eigene Ziele setzt und diese Ziele mit aller Kraft verfolgt. Dabei zweifle ich jedoch, dass die Ziele, die wir Deutschen uns setzen sollten, in allen Punkten mit den Zielen unserer europäischen Partner übereinstimmen - wir stehen auch zu unseren europäischen Freunden in Konkurrenz.
Die (Soziale) Solidarität, die Du innerhalb Deutschlands einforderst, braucht als Basis ein starkes Deutschland. Zu einem starken Deutschland passt kein 16. Platz bei Pisa und kein 25. Platz beim Wirtschaftswachstum und kein 23. Platz bei der Arbeitslosigkeit. Die Solidarität, die wir als Staat im europäischen Rahmen sehr wohl zeigen, müssen wir als Menschen in unserem Staat auch wieder stärker nach innen anzuwenden lernen - und die Basis dafür schaffen. Der von Bundespräsident Herzog vor Jahren beschworene »Ruck, der durch Deutschland geht« ist erst einmal ein Ruck in unseren Köpfen: Zielsetzungen müssen her und der feste Wille, die gesetzten Ziele auch zu erreichen. Weder die alte noch die neue Regierung hat die notwendigen Impulse dafür geben können.